Schopenhauer-Buddhismus : Enso
Schopenhauer und Buddhismus

Buddhistische Meditation / Versenkung

Es gibt wohl kaum eine Religion, in welcher > Meditation / Versenkung (Sanskrit: Dhyana, Pali:  Jhana) ein derartig zentrale Bedeutung hat wie im Buddhismus. Meditation gehört zu dem vom Buddha gelehrten Edlen Achtfachen Pfad , der  Teil  der > Vier Edlen Wahrheiten ist.  Der weithin als kompetent geschätzte Indologe und Religionswissenschaftler, Helmuth von Glasenapp, bemerkte dazu in seinem sehr verständlich geschriebenen Buch Die Weisheit des Buddha *

“Rechtes Sich-Versenken ( achtes Glied des Edlen Achtfachen Pfades ) besteht in der Gewinnung eines geistigen Zustandes der zeitweiser Weltentrückung. Ein solcher Zustand tritt als Folge intensiver geistiger Konzentration ein; Konzentration besteht darin, daß das ganze Denken auf ein bestimmtes Objekt gerichtet und alles andere ausgeschaltet wird. Während für gewöhnlich der menschliche Erkenntnisapparat jeden Augenblick sich anderen Objekten zuwendet, mögen diese nun Gegenstände in der Außenwelt sein oder Vorstellungen, Begriffe, Gedanken, die ihn beschäftigen, wird durch Konzentration Einspitzigkeit des Denkens angestrebt: es wird lediglich auf einen bestimmten Punkt fixiert, so daß dieser allein im Lichte des Erkennens steht ...

Ein rein äußerliches Verfahren zur Erzielung einer völligen Sammlung des Geistes besteht darin, daß der Übende seine ganze Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes, in sich abgeschlossenes sichtbares Objekt  richtet, wie auf einen Teich, ein deutlich abgegrenztes Stück Erde oder auf eine farbige, runde, bunte Scheibe. Mit zäher Ausdauer wird dieser Gegenstand so lange angeschaut, bis alles Erkennen ganz in ihm aufgeht. Es wird dann schließlich bei geöffneten, wie bei geschlossenen Augen ein ` Zeichen `( nimitta ) wahrgenommen, auf das alle Aufmerksamkeit wie auf einen Brennpunkt konzentriert ist. Ist dies in der richtigen Weise eine Zeitlang geschehen, so ... ist die Möglichkeit zum Eingehen in die Versenkung gegeben.

Ein anderer Weg zur Erzielung einer Versenkung besteht darin, daß der Weisheitsjünger sein konzen- triertes Denken der Atmungstätigkeit zuwendet und sich dazu zwingt, diese genau zu beobachten und alle Ablenkungen auszuscheiden. Von diesem ´ Stützpunkt ` ausgehend und immer wieder zu ihm zurück- kehrend, können dann ... alle Hemmungen und Triebe so völlig zum Schweigen gebracht (werden), daß dem Eintritt in den Zustand völligen Selbstverlorenseins nichts mehr entgegensteht ...

Im ganzen werden neun Stufen der Versenkung unterschieden, die der Reihe nach durchlaufen werden können ...

Auf der ersten Versenkungsstufe ist das Denken von freudiger Begeisterung und Glücksgefühl er- füllt, ... aber es ist noch mit ´ Erwägen und Erfassen `, das heißt mit Hin- und Herüberlegen und Festlegen, beschäftigt.

Auf der zweiten Stufe hat es sich von Erwägen und Erfassen freigemacht; durchflutet von Freude und Glücksgefühl, ... genießt es den inneren Frieden.

Auf der dritten Stufe hat es Freude und inneren Frieden überwunden, es entfaltet an sich Gleich- mut, Achtsamkeit und Besonnenheit und wird von freudefreiem Glücksgefühl überspült ´wie eine Lotus- blume von kühlem Wasser`.   

Auf der vierten Stufe macht das Glücksgefühl einem Zustand völliger Erhabenheit Platz ...

Über diesen vier Stufen liegen noch vier andere, in welchen der Meditierende über die  Region der reinen Formen  in die Region der Nichtformen  vordringt, in die Sphäre der Gottheiten, die keine fein- stofflichen Leiber mehr haben, sondern nur noch in geistigen Bewußtseinszuständen  existieren.

Nachdem alle Vorstellungen von Formen ausgeschaltet sind, verwirklicht das Denken der Reihe nach aufsteigend die (fünfte Stufe) Unendlichkeit des Raumes, die (sechste Stufe) Unendlichkeit des Bewußtseins, die (siebente Stufe) Nichtirgendetwasheit und die (achte Stufe) Grenze von Unterscheiden und Nichtunterscheiden ...

Jenseits von diesen vier Stufen (also auf der neunten Stufe) kann dann noch ein Stadium realisiert werden, auf dem alles Unterscheiden und alles Empfundene geschwunden ist ...”

Auf diesem Weg der immer tieferen Versenkung, vollziehe sich, meinte von Glasenapp “eine steigende Loslösung von den Faktoren (dharma), welche eine Persönlichkeit ausmachen”, wobei nach der vierten Versenkungsstufe “die Grenzen des Sinnenwelt überschritten” werden würden.

Obige Darstellung zur buddhistischen Meditation / Versenkung zeigt erstaunliche Ähnlichkeit mit dem, was Arthur Schopenhauer zur Meditation geschrieben hatte ( > Link). Schopenhauers Darstellung dazu mag zwar sprachlich vollkommener und etwas weniger systematisch sein als die in buddhistischen Lehrbüchern, doch im Ergebnis stimmen Schopenhauer und der Buddhismus weitgehend überein: Wenn in der achten Versenkungsstufe, die “Grenze von Unterscheiden und Nichtunterscheiden” überschritten wird, was ist das anderes als die Überwindung des > principium individuationis, einem Kernpunkt der Philosophie Schopenhauers? Auch dieses Beispiel beweist die Nähe der Schopenhauerschen Philosophie zum Buddhismus, so dass es verständlich erscheint, wenn Schopenhauer sich und seine Anhänger als Buddhaisten bezeichnet.
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Anmerkung
* Helmuth von Glasenapp, Die Weisheit des Buddha, Wiesbaden o. J., S. 131 ff.

> Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie