Schopenhauer-Buddhismus : Enso
Schopenhauer und Buddhismus

Das Lankavatara - Sutra des Mahayana - Buddhismus

und die Philosophie von Arthur Schopenhauer

Die makellose Wahrheit erschauen - unter diesem Titel erschien vor einigen Jahren das von Karl-Heinz Golzio aus dem Sanskrit erstmals ins Deutsche übersetzte Lankavatara - Sutra.(1) Dieses für die Herausbildung des  Mahayana-Buddhismus  sehr bedeutsame Sutra wurde wahrscheinlich im 4. Jh. u. Ztr. niedergeschrieben und seit dem 5. Jh. als heilige Schrift des Mahayana-Buddhismus mehrmals ins Chinesische übersetzt.

Das Lankavatara - Sutra enthält mystische Wahrheiten über die “höchste Realität“. Es sind Aussagen, die vom Buddha selbst stammen sollen. Da sie im Sutra nicht systematisch wie in einem Lehrbuch geordnet sind, erfordert das Lesen besondere Konzentration, was durchaus im Sinne des Sutras ist. Der geduldige und aufmerksame Leser findet dabei aber immer wieder Perlen spiritueller Weisheit. So schrieb Eckhard Graf in seiner sehr lesenswerten Einführung zur Übersetzung des Sutras:

Inhalt und Form des Lankavatarasutra gleichen einem von der Hand des Gärtners unberührten Garten, in dem die schönsten Blüten und seltensten Pflanzen, unter dichtem Gras und hinter wucherndem Gestrüpp, im Verborgenen gedeihen.(2)  

Im Lankavatara - Sutra geht es um die innere Erleuchtung, in der alle Dualität überwunden und alle Unterscheidung aufgehoben wird. Das geschieht nicht durch begriffliches, diskursives  Denken, sondern durch meditative Erfahrung. Die “makellose Wahrheit” wird, wie es zutreffend im Buchtitel heißt, “erschaut”, was bedeutet, dass sie nicht bloß in einem Buch “erlesen” werden kann. Das kommt in zahlreichen Stellen des Sutras zum Ausdruck, wie zum Beispiel im folgenden Vers:

Das Vergangene und das Zukünftige, Nirwana, Persönlichkeit, Worte - von diesen spreche ich im weltlichen Sinn, doch die höchste Realität geht über Buchstaben hinaus.(3)

Der letzte Teil des Sutras ist Kapitel 10, aus welchem obiger Vers entnommen wurde. Er besteht nur aus Versen, die den wesentlichen Inhalt der vorangegangenen Prosakapitel wiederholen. Dieses Verskapitel ist von besonderem Wert, denn es vermeidet im Gegensatz zu den Prosakapiteln den Versuch, etwas logisch zu erklären, was außerhalb logischer Erkenntnis liegt, weil es nur meditativ erfahren werden kann.

Bei einem der Kapitel des Sutras fällt auf, dass es dort weniger um Metaphysik als vielmehr um ein Thema geht, das von erheblicher ethischer Bedeutung ist, nämlich Fleischessen.  Eindeutiger als im alten (Theravada-) Buddhismus wird im Sutra, wie überhaupt im Mahayana-Buddhismus, das Fleischessen abgelehnt, was schon in der Bezeichnung des Kapitels “Warum man kein Fleisch essen soll” zum Ausdruck kommt. Wie sehr der Vegetarismus hier ethisch begründet ist, zeigt sich in der Aussage:

Aus Furcht, bei den lebenden Wesen Schrecken hervorzurufen, soll der Bodhisattva (der künftige Buddha), der sich darin übt, Mitleid zu erlangen, Abstand vom Fleischessen nehmen.(4)

Aus dieser, vielleicht etwas umständlich formulierten Begründung wird klar, dass Mitleid, welches die wichtigste Tugend im Mahayana -Buddhismus ist, und Fleischessen sich nicht miteinander vereinbaren lassen.

Wenn im Lankavatara-Sutra immer wieder betont wird, wie wenig, ja unmöglich es ist, durch Worte die “makellose Wahrheit” widerzugeben, dann zeigt sich auch darin die enge Verwandtschaft zum Zen : Das Sutra war einer der wenigen traditionellen Mahayana-Schriften, die großen Einfluss auf den Zen  ausgeübt hatten. So soll es von Bodhidharma, dem ersten chinesischen Zen-Patriarchen, an seinen Schüler, der zum zweiten Patriarchen des Zen in China wurde, weitergegeben worden sein.(5)

Wer mit der  Philosophie von Arthur Schopenhauer näher vertraut ist, wird im Lankavatara-Sutra überraschende Ähnlichkeiten, wahrscheinlich sogar Übereinstim- mungen mit Schopenhauers Metaphysik finden: Ist die “höchste Realität” das Gleiche wie das Kantsche Ding an sich , das von Schopenhauer als  Wille bezeichnet wurde? Sind Vergangenheit und Zukunft, ja sind alle äußeren Wahrnehmungen, die laut Sutra nur Maya, Illusion, bedeuten, identisch mit Vorstellung , einem zentralen Begriff in Arthur  Schopenhauers Philosophie?  Als Beispiele seien hierzu Verse aus dem Lankavatara- Sutra zitiert:

Solange die Philosophen, die durch Logik verwirrt sind und nicht über den Bereich der Worte hinausgehen  und das Unterscheidende vom Unterschiedenen trennen, sehen sie nicht die Wahrheit.(6)

Für diejenigen, die ( die Welt ) in angemessener Weise betrachten, schwindet die Trennung in das, was wahrnimmt, und das, was wahrgenommen wird.(7)

Wie eine Luftspiegelung am Himmel, so ist die Vielfalt der Dinge nur eine Erscheinung; man sieht sie in vielfältigen Formen, aber sie sind wie das Kind einer unfruchtbaren Frau in einem Traum.(8)

Für Arthur Schopenhauer waren alle Dinge lediglich Erscheinungsformen eines  einzigen metaphysischen Willens. Die Vielfalt, in der die Dinge “erscheinen”, ist laut Schopenhauer nur eine Vorstellung. In der “willensfreien Anschauung“, also der Meditation, kann das Principium individuationis , welches - nach Schopenhauer - das Unterscheidende vom Unterschiedenen trennt, überwunden und damit die bisherige Subjekt-Objekt-Spaltung aufgehoben werden. Schopenhauers Worte und Begriffe mögen verschieden sein von denen im Lankavatara-Sutra, aber gemeint sein dürfte das Gleiche, so dass anzunehmen ist, dass diese Aussagen, obwohl zwischen ihnen weit mehr  als 1000 Jahre liegen, auf gleichen spirituellen Erkenntnissen beruhen.

Das Lankavatara - Sutra stützt im wesentlichen die Lehre des Yogacara - Buddhismus, also jener buddhistischen Richtung, die dem Kern der Philosophie von Arthur Schopenhauer besonders nahe kommt. Auch deshalb ist das Sutra ein weiterer Beleg dafür, dass Schopenhauer mit gewissem Recht sich und seine Anhänger als “Buddhaisten” bezeichnen konnte. Im Gegensatz zu heute stand Schopenhauer jedoch der Text des Sutras nicht zur Verfügung. Er konnte deshalb den Trost seines Lebens nicht im Lankavatara - Sutra finden, sondern seine “Bibel” waren die Upanischaden.

Es ist wohl kein Zufall, dass die monistische Auffassung in einigen Upanischaden (Alles ist Eins im Brahman) sich gerade in den Jahrhunderten weiter herausbildete, als das ebenfalls monistische Lankavatara-Sutra (Alles ist “Geist”) immer mehr an Bedeu- tung gewann. Jedenfalls gibt es zwischen einigen Upanischaden und den spät- buddhistischen Schriften, wozu das Lankavatara-Sutra gehört, erstaunliche Parallelen. Hierbei ging der Indologe Helmuth von Glasenapp davon aus, dass “die Theorie von der Maya, von der Weltillusion, die das Blendwerk der Vielheit hervorruft ... sich erst unter dem Einfluß der spätbuddhistischen Philosophie ausgebildet“ hatte.(9) In diesem Zusammenhang erwähnte von Glasenapp den indischen Philosophen und Dichter Madhva (13. Jh.), der die Alleinheitslehre der Upanischaden in einem Gedicht darlegte:

Dem Auge wird ein Feuerbrand
Zum Funkenkreis, wenn man ihn schwingt,
So auch der Geist, der sich bewegt,
Uns Bilder zur Erscheinung bringt.
Der nicht geschwung´ne  Feuerbrand
Läßt keinen Funkenkreis uns sehn.
So läßt ein unbewegter Geist
Auch nichts erscheinen, nichts entstehn.

Dieses Gleichnis findet sich auch im Lankavatara-Sutra. Kürzer und klarer kann meiner Meinung nach der wesentliche Inhalt des Sutras kaum zum Ausdruck gebracht werden.  Im übrigen gilt für den, der die Wahrheit nur im Wortlaut des Sutras sucht, das Wort des Buddha:

Wie die Törichten nach der Fingerspitze und nicht nach dem Mond greifen, so erkennen die, die am Buchstaben hängen, nicht meine Wahrheit.(10)

Dem möchte ich in Anlehnung an obiges Gleichnis hinzufügen: Auch das Lankavatara-Sutra ist bei all seiner Weisheit nur der Finger, der auf den Mond zeigt, nicht aber der Mond selbst.

 

Anmerkungen

(1)   Die makellose Wahrheit erschauen. Die Lehre von der höchsten Bewußtheit und
        absoluten Erkenntnis. Das Lankavatara-Sutra. Aus dem Sanskrit übers. von  
        Karl-Heinz Golzio, 2. Aufl., München 2003.

(2)   Ebd., S. 8.

(3)   Ebd., S. 289, Nr. 220.

(4)   Ebd., S. 249.

(5)   Vgl. dazu “ Lankavatara-Sutra”  in: Lexikon der östlichen Weisheitslehren,
        München 1986, S.212.       

(6)   Die makellose Wahrheit erschauen, a. a. O., S. 273, Nr.73.

(7)   Ebd., S. 282, Nr. 154

(8)   Ebd., S. 285, Nr.187.

(9)   Hierzu und dem folgenden: Helmuth von Glasenapp, Die Literaturen Indiens,
        Stuttgart 1961, S.89.
        Die Meinung von Glasenapps, dass sich der Monismus in den Upanishaden
        “erst unter dem Einfluß der spätbuddhistischen Philosophie herausgebildet” hatte,
        steht m. E. in gewissem Gegensatz zum Hinweis von Andr
é Bareau: Hiernach
        wurde Shankara, dem bedeutendsten Philosophen der Alleinheitslehre der
        Upanishaden (Advaita-Vedanta), vorgeworfen, “er habe sich allzu sehr von
        den buddhistischen Werken der Yogacara (zu denen das Lankavatara-Sutra
        gehört) beeinflussen lassen”. (André
Bareau in: Die Religionen Indiens.
        III Buddhismus - Jinismus - Primitivvölker, Stuttgart  1964, S. 166.) Vielleicht
        liegt die Wahrheit in der Mitte, d. h., dass - wie oft in der  Geistesgeschichte -
        Religionen und Weltanschauungen sich gegenseitig beeinflusst hatten.

(10)  Die makellose Wahrheit erschauen, a. a. O., S. 342, Nr. 715.
                                                                                                                                                              HB
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