Schopenhauer-Buddhismus : Enso
Schopenhauer und Buddhismus

Schopenhauer - ein Mystiker ?

Schon die oben gestellte Frage hätte Schopenhauer wohl zurückgewiesen, denn er selbst verstand sich vor allem als Philosoph. “Der Mystiker”, schrieb Schopenhauer, “steht zum Philosophen dadurch im Gegensatz, daß er von Innen anhebt, dieser aber von Außen. Der Mystiker nämlich geht aus von seiner innern, positiven, individuellen Erfahrung...Aber mittheilbar, ist hievon nichts ...           Der Philosoph hingegen geht aus von dem Allen Gemeinsamen, von der der objektiven, Allen vorliegenden Erscheinung, und von den Thatsachen des Selbstbewußtseyns, wie sie sich in Jedem vorfinden. Seine Methode ist daher die Reflexion über alles Dieses und die Kombination der darin gegebenen Data: . deswegen kann er überzeugen. Er soll sich daher hüten, in die Weise der Mystiker zu geraten...”(“Die Welt als Wille und Vorstellung”, II, Kap.48).

Diesen Standpunkt bekräftigte Schopenhauer noch an anderer Stelle (“Parerga und Paralipomena”, II, Kap. I., § 10),  wobei er dort den Begriff “Illuminismus” verwendete. Der Illuminismus sei wesentlich nach innen gerichtet, sei innere Erleuchtung und seine Erkenntnis nicht mitteilbar. Die Philosophie jedoch soll mitteilbare Erkenntnis sein. “Demgemäß habe ich (Schopenhauer), in der meinigen, zwar am Schluß, auf das Gebiet des Illuminismus, als ein Vorhandenes, hingedeutet, aber mich gehütet, es auch nur mit einem Schritte zu betreten.; daher denn auch nicht unternommen, die letzten Aufschlüsse über das Daseyn der Welt zu geben, sondern bin nur so weit gegangen, als es auf dem objektiven, rationalistischen Wege möglich ist. Dem Illuminismus habe ich seinen Raum freigelassen, wo ihm, auf seine Weise, die Lösung aller Räthsel werden mag, ohne daß er dabei mir den Weg verträte ...”

Trotz dieser eindeutigen Abgrenzung und weisen Selbstbeschränkung darf die Frage gestellt werden, ob die Erkenntnisse Schopenhauers tatsächlich auf “ rationalistischem Wege” möglich sind, und er mit seinen Aussagen nicht bereits, und zwar mit mehr als einem Schritt, das Gebiet des Illuminismus, also den Bereich der Mystik, betreten hatte. So hat Schopenhauer an zahlreichen Stellen seiner Werke auf das altindische “Tat twam asi” ( “Das bist  Du”) hingewiesen. Diese metaphysische Identifikation des Einzelnen mit dem Ganzen findet sich in der Mystik der Upanischaden. Schopenhauer sah hierin eine Bestätigung seiner Philosophie.

Eine, wenn nicht gar die zentrale Aussage Schopenhauers ist seine Feststellung: “Ding an sich aber ist allein der Wille” (“Die Welt als Wille und Vorstellung”, I, § 21). Der von Schopenhauer hochgeschätzte Philosoph Kant hat jedoch (in seiner “Kritik der reinen Vernunft”) nachgewiesen, daß wir ein Ding als Gegenstand unserer Wahrnehmung nur so erkennen, wie es uns - eingekleidet in die Anschauungsformen von Raum und Zeit, in die Kategorien und Verstandesgesetze - erscheint. Wie das Ding “an sich” beschaffen ist, können wir nicht erkennen. Nach Kant sind deshalb auch metaphysische Erkenntnisse mit der “reinen Vernunft” nicht möglich.

Wenn nicht mit der “reinen Vernunft”, auf welchem Wege hat dann Schopenhauer seine Erkenntnisse gewonnen? In seinen, nicht zur Veröffent- lichung bestimmten Aufzeichnungen aus dem Jahr 1813 ( “Der handschriftliche Nachlaß”, hrsg. von Arthur Hübscher, Band I, S. 55) findet sich die Antwort: “Unter meinen Händen und vielmehr in meinem Geist erwächst ein Werk, eine Philosophie, die Ethik und Metaphysik in Einem seyn soll... Das Werk wächst ... allmählich und langsam wie das Kind im Mutterleibe: ich weiß nicht was zuerst und was zulezt entstanden ist, wie beym Kind im Mutterleibe: ich, der (ich) hier sitze ... begreife das Entstehn des Werks nicht, wie die Mutter    nicht das des Kindes in ihrem Leibe begreift. Ich seh´ es an und spreche wie die Mutter “ich bin mit Frucht gesegnet.”... Ich schreibe auf, unbekümmert wie es zum Ganzen passen wird, denn ich weiß, alles ist aus einem Grund entsprungen ...” 

Diese Worte Schopenhauers erinnern an den Mystiker Jakob Böhme, der nach seinem  Durchbruch berichtete. “ Es ging mir gleich als wenn ein Korn in die Erde gesäet wird, so wächst das hervor ... wider alle Vernunft...” So schrieb Jakob Böhme seine zutiefst mystischen Schriften unbekümmert, ohne an ihre Veröffentlichung zu denken, gerade so, wie ihm die Eingebung die Feder führte.  Schopenhauer - ein Mystiker?  Kann daran noch ein Zweifel bestehen?
hb  

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