Schopenhauer-Buddhismus : Enso
Schopenhauer und Buddhismus

Rundfunkansprache zum buddhistischen Vesakh-Fest von Herbert Becker (2)

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Die Menschen der Vorzeit lebten noch in engster Gemeinschaft mit der Natur. Sie wussten weit mehr von ihr, als wir uns heute vorstellen. Nicht ohne Grund scheuten sie sich, die Natur zu verletzen. Jeder Frevel an ihr musste gesühnt werden. So ist beispiels- weise aus Forschungen zur Frühgeschichte bekannt, dass sich Jäger mit Hilfe bestimmter magisch-religiöser Riten von der Schuld zu reinigen suchten, die sie durch das Töten der Wildtiere auf sich geladen hatten. Diese Ahnung, dieses Gefühl von der Heiligkeit allen Lebens scheint - zumindest im Abendland - fast verloren gegangen zu sein. Hierin liegt nach meiner Überzeugung ein wesentlicher Grund für unser gestörtes Verhältnis zur Natur.

Meine Bemerkungen sollen keine Aufforderung sein, zu den Naturreligionen oder Lebensformen unserer Vorfahren zurückzukehren. Selbst wenn wir es wollten, das Rad der Geschichte kann nicht zurückgedreht werden. Der Buddhismus ist eine Religion mit einer Lebenslehre, die sich nicht an weltfremden Utopien, sondern an unserer Wirklich- keit, am Hier und Heute orientiert.

Der Edle Achtfache Pfad, den der Buddha lehrte und vorlebte, führt zur Erlösung vom Leid der Vergänglichkeit. Dieser Pfad wird auch als mittlerer Weg bezeichnet. Er meidet die Extreme, denn weder übersteigertes Konsumdenken noch übertriebene Askese sind für den Menschen heilsam. Die Erfahrung lehrt: Maßlosigkeit nimmt zumeist ein schlechtes Ende. Überall im Leben kommt es darauf an, das rechte Maß zu finden.

Wer maßvoll lebt, beschränkt seine Ansprüche. Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Das Begehren in uns ist nicht so ohne weiteres abzubauen. Egoistische Denk- und Verhaltensweisen, die tief in unserem Charakter wurzeln, sind schwer zu überwinden. Hierbei bleiben Appelle an die Vernunft und Predigten, die das Gewissen wachrütteln sollen, erfolglos, wenn die eigene Einsicht fehlt. Eigene Einsicht - darauf deutet schon das Wort hin - ist nur durch unmittelbare Anschauung zu gewinnen. Deshalb beginnt der Edle Achtfache Pfad mit der rechten Anschauung.

Rechte Anschauung — was heißt das? Tue deine Augen auf und gehe zu einem Baum und siehe den an und besinne dich! Diese Worte Jakob Böhmes, eines deutschen Philosophen und Mystikers aus dem frühen 17. Jahrhundert, sind aktueller denn je. Mit unserer Welt stünde es besser, würden mehr Menschen ihre Augen öffnen und sich besinnen. Das ruhige Betrachten der Natur, des Lebens in seinem vielfältigen Erscheinungen kann tiefere Einsichten vermitteln als jahrelanges Studium in Bibliotheken und Hörsälen. Einer meiner buddhistischen Freunde berichtete von einem Förster, der viele einsame Stunden auf einem Hochsitz im Walde verbrachte. ,Das stille Beobachten der Natur, das Sicheinstimmen in ihren ruhigen Gang, das Wahrnehmen ihres uralten Rhythmus, so schrieb mein Freund, führte dazu, dass der Förster im Laufe der ]ahre immer unfähiger wurde, auf das Wild zu schießen. Mehr und mehr wuchs in ihm das Bedürfnis, Leben zu schonen und zu erhalten.

Wie sehr die unmittelbare Anschauung unser Denken und Handeln zu ändern vermag, zeigen auch andere Beispiele. So wurden nicht wenige Menschen, nachdem sie einmal das Schlachten von Tieren voll bewusst, gleichsam ,,Auge in Auge", miterlebt hatten, für den Rest ihres Lebens zu überzeugten Vegetariern. Die bloße Anschauung reichte hier aus, um einen nachhaltigen Sinneswandel zu bewirken. Rechte Anschauung führt zur rechten Erkenntnis. Sie ist die Grundlage der buddhistischen Ethik. Der Buddha wurde einst gefragt, woran man sich bei der verwirrenden Vielfalt einander wider- sprechender Meinungen und Glaubensrichtungen orientieren sollte. Hierauf gab der Buddha eine Antwort, die in der Religionsgeschichte wohl einmalig ist:

,Richtet euch nicht nach dem bloßen Hörensagen, nicht nach Traditionen, nicht nach Sammlungen heiliger Überlieferungen, nicht nach Vermutungen und Theorien, nicht nach Erwägungen, die sich auf den äußeren Schein stützen, nicht nach lang gehegten Meinungen und Auffassungen und nicht nach den Worten eines verehrten Meisters! Was ihr hingegen selbst als gut oder schlecht erkannt habt und von Verständigen als heilsam gepriesen oder als unheilvoll verworfen wird, das nehmt an oder gebt auf.
                                                                                                      
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