Schopenhauer-Buddhismus : Enso
Schopenhauer und Buddhismus

Rundfunkansprache zum buddhistischen Vesakh-Fest von Herbert Becker (3)

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Die Lehre des Buddha setzt daher nicht blinden Glauben an Dogmen und Autoritäten voraus, sondern Vertrauen, das auf eigener Einsicht gegründet ist. Doch wie kann es zur Einsicht kommen, wenn wir nicht gewillt sind, unsere Augen zu öffnen? Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, zur Zeit der europäischen Aufklärung, bemerkte Georg Christoph Lichtenberg in seinen Aphorismen: Man spricht viel von Aufklärung und wünscht mehr Licht. Mein Gott, was hilft aber alles Licht, wenn die Leute entweder keine Augen haben oder die, die sie haben, vorsätzlich verschließen?"

Ich musste an die Worte Lichtenbergs denken, als in meinem Bekanntenkreis die Frage erörtert wurde, ob es ethisch vertretbar sei, Pelzmäntel zu tragen. Pelzmäntel schützen nicht nur vor Kälte, sie dienen seit jeher zur Befriedigung menschlicher Eitelkeit. Wer sich mit einem Pelz schmückt, freut sich darüber und möchte sich diese Freude nicht trüben lassen. Insofern ist es verständlich, dass viele Besitzer von Pelzmänteln es ablehnen, das Leiden der Pelztiere in den Fallen und Käfigen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Dieses Verhalten ist ein Beispiel für eine Lebensphilosophie, bei der es lediglich darum geht, das Leben möglichst ungestört zu genießen, indem man seine Augen vor unbequemen Wahrheiten fest verschlossen hält. Eine solche geistige Einstellung, die sich in allen Lebensbereichen äußert, verhindert jede positive Entwicklung. Deshalb bestand für den Buddha der erste Schritt auf dem Wege zum Heil darin, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Das bedeutet auch, dass wir dem Leid dieser Welt nicht blind gegen- überstehen dürfen. Millionenfaches Leid - seien es Hunger und Krankheit in der Dritten Welt, Völkermord oder das qualvolle Sterben unzähliger Tiere in Versuchslaboratorien - übersteigt in seiner Größenordnung unser Vorstellungsvermögen.

Man kann nicht allen helfen, sagte der Engherzige, und half keinem, so hat Marie von Ebner-Eschenbach das Verhalten mancher Mitmenschen gekennzeichnet. Es ist zwar unmöglich, das Leid von Millionen nachzuempfinden, aber dennoch können wir wenigstens versuchen, uns in die Lage eines einzelnen hineinzuversetzen. Durch ein solches Sich-Hineinversetzen kann es dazu kommen, dass das Leid des anderen so wahrgenommen wird, als sei es das eigene. Es ist dieses Mitgefühl, welches in uns die Bereitschaft weckt, auch dem uns völlig Fremden spontan zu helfen. So überwindet das Mitleid die Schranken zwischen dem ,,Ich" und dem ,,Du" und reißt die hohen Mauern nieder, welche unser Egoismus aufgerichtet hatte.

Für > Arthur Schopenhauer , dessen Philosophie der buddhistischen Lehre sehr nahekommt und der sich selbst als ,,Buddhaist" bezeichnete, war das Mitleid die eigentliche Triebfeder eines wahrhaft selbstlosen Verhaltens. ,,Denn, so schrieb er, ,grenzenloses Mitleid mit allen lebenden Wesen ist der festeste und sicherste Bürge für sittliches Wohlverhalten. .. Wer davon erfüllt ist, wird zuverlässig keinen verletzen, keinen beeinträchtigen, keinem wehe tun, vielmehr mit jedem Nachsicht haben, jedem verzeihen, jedem helfen, soviel er vermag. .. Die Güte des Herzens (besteht) in einem tiefgefühlten Mitleid mit allem, was Leben hat.

In den buddhistischen Pali-Schriften wird die Güte des Herzens, die nicht nur menschliches Leben, sondern alles Lebendige umfasst, Metta genannt. Ohne das Bemühen, Metta in sich zu entfalten, muss jede Meditation erfolglos bleiben. Eine solche Meditation würde lediglich eine Angelegenheit des Kopfes und nicht des Herzens sein. Ihr Ergebnis wäre eine bloß theoretische Weisheit, von der Schopenhauer sagte, sie gleiche einer gefüllten Rose, welche durch Schönheit ergötzt, aber keine Frucht ansetzt.

Wer Herzensgüte, die Metta, in sich entfaltet und sie mehr und mehr auf alles ausdehnt, was lebt, dem werden, wie es in den alten buddhistischen Texten heißt, ,,die Fesseln dünn", der löst sich von Egoismus und Selbstsucht und nähert sich Höherem, Göttlichem. ,,Brahmavihara", “Göttliche Zustände”, nennen es die Pali-Schriften. Der buddhistische Heilige ist die Verkörperung der Metta. Befreit von Hass, Gier und Verblendung, lebt er in Frieden und Eintracht mit sich und seiner Umwelt. So ist die buddhistische Metta seit mehr als 2500 Jahren eine gewaltlose und friedvolle Lösung für die Probleme menschlichen Zusammenlebens, aber auch für das Verhältnis von Mensch und Natur. Gerade unsere Zeit bedarf mehr denn je eines solchen Ideals. Es mag zwar schwer zu verwirklichen sein, doch es bietet unserem Leben eine Orientierung. Der Buddha wies dazu den Weg, gehen muss ihn jeder selbst- zum eigenen Wohle und zum Wohle aller.

Zum Vesakh , dem höchsten buddhistischen Festtag, grüße ich alle mit dem buddhistischen Wunsch:

Gefiihrt durch Weisheit und Güte - erfüllt von edler Freude möge Ihr Leben sein!
hb

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